FIVE BELLS
KUPPELSAAL / EHEMALS HAUS DES DEUTSCHEN SPORTS / SPORTFORUM OLYMPIAPARK BERLIN
17.12.2015

Im Vordergrund ein Tuba-Doppelhorn bei der ersten technischen Probe im Kuppelsaal. Im Hintergrund ein Posaunen- und Bariton-Doppelhorn. Die Mittelstücke der Hörner sind hier in der Experimentierphase noch mit Kunststoffrohren markiert und werden später aus dem Material des Instrumentes geschmiedet. Foto © Sabrina Hölzer / View of the stage. In the room’s original state the windows could be opened completely towards the rear. In the foreground, a double-horned Tuba at the first technical rehearsal in the Kuppelsaal. In the background, a trombone and double baritone horn. The centrepieces of the horns are in this experimenting phase still faked by plastic tubes that will be forged later by the original metal of the instruments. Photo © Sabrina Hölzer

Im Vordergrund ein Tuba-Doppelhorn bei der ersten technischen Probe im Kuppelsaal. Im Hintergrund ein Posaunen- und Bariton-Doppelhorn. Die Mittelstücke der Hörner sind hier in der Experimentierphase noch mit Kunststoffrohren markiert und werden später aus dem Material des Instrumentes geschmiedet. Foto © Sabrina Hölzer / View of the stage. In the room’s original state the windows could be opened completely towards the rear. In the foreground, a double-horned Tuba at the first technical rehearsal in the Kuppelsaal. In the background, a trombone and double baritone horn. The centrepieces of the horns are in this experimenting phase still faked by plastic tubes that will be forged later by the original metal of the instruments. Photo © Sabrina Hölzer

CONCEPT AND POSTPONEMENT
1916 — 1936 — 2016

The project FIVE BELLS was created for the domed Kuppelsaal of the former German Sport Forum on the grounds of Olympiapark in Berlin. Among other buildings, the large area of Olympiapark was home to, the stadium for the Olympics planned to be held for the first time in Germany in 1916, an event then cancelled bacause of the First World War. Twenty years later in 1936, in a new, much larger stadium on the same site, the Nazis staged the first Olympic Games on German soil, to demonstrate to the world the superiority of the Aryan race. “Undesirable” high performance athletes were excluded from the event – the most famous example is the Jewish high jumper Christel Bergmann, who was invited to perform as the record holder in his discipline, but refused entry shortly before the start of the competitions, due to alleged “insufficient” strength of performance. Despite Nazi engineering, these devious manipulations were fortunately subverted: African-American athlete Jesse Owens won four gold medals and became the most successful athlete of the entire Olympic Games. 

The Kuppelsaal was built during this time. In the Summer Olympics of 1936 it served as the venue for fencing competitions. It was also conceived as a large-scale theater with stage, cyclorama and stage machinery for the performance of popular German stage plays.

 

 

 

IDEE UND ABBRUCH
1916 — 1936 — 2016

Das Projekt FIVE BELLS entstand für den Kuppelsaal des ehemaligen Deutschen Sportforums auf dem Gelände des Olympiaparks Berlin. Das großflächige Areal des Olympiaparks beherbergte neben weiteren Gebäudekomplexen auch das Stadion für die Olympischen Spiele, die 1916 erstmals in Deutschland ausgetragen werden sollten, die aufgrund des 1. Weltkrieges jedoch nicht stattfanden. Zwanzig Jahre später, inszenierten im Jahr 1936 die Nationalsozialisten in einem neuen, weitaus größeren Stadion an gleicher Stelle die ersten Olympischen Sommerspiele auf deutschem Boden, mit der Absicht, der Welt die Überlegenheit der arischen Rasse zu demonstrieren. Unerwünschte Hochleistungssportler wurden für dieses Ziel ausgesperrt - berühmtestes Beispiel ist die Hochspringerin Christel Bergmann, die man als jüdische Rekordhalterin in ihrer Disziplin zwar offiziell einlud, dann kurz vor Beginn der Wettkämpfe aufgrund angeblich mangelhafter Leistungsergebnisse aber nicht antreten ließ. Allen Manipulationen zum Trotz wurde die nationalsozialistische Inszenierung glücklicherweise bloßgestellt: der „schwarze“ amerikanische Leichtathlet Jesse Owens gewann vier Goldmedaillen und wurde damit der erfolgreichste Athlet der gesamten Olympischen Spiele.

In diesem historischen Zusammenhang wurde der Kuppelsaal gebaut. Er diente während der olympischen Sommerspiele 1936 als Austragungsort für Fecht-Wettkämpfe. Im Hinblick auf die Aufführung deutsch-volkstümlicher Bühnenstücke wurde er zugleich als groß angelegtes Theater mit Bühne, Rundhorizont und Bühnenmaschinerie konzipiert. 

Haus des Deutschen Sports. Innenaufnahme der Kuppelhalle während eines Klavierkonzerts im kulturellen Rahmenprogramm der Olympischen Spiele 1936, Foto © Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin in der Universitätsbibliothek / Haus des Deutschen Sports, inside view of the Kuppelsaal during a piano concerto included in the cultural program of the 1936 Olympic Games. Photo © Museum of Architecture of the Technischen Universität Berlin in the university library.

Haus des Deutschen Sports. Innenaufnahme der Kuppelhalle während eines Klavierkonzerts im kulturellen Rahmenprogramm der Olympischen Spiele 1936, Foto © Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin in der Universitätsbibliothek / Haus des Deutschen Sports, inside view of the Kuppelsaal during a piano concerto included in the cultural program of the 1936 Olympic Games. Photo © Museum of Architecture of the Technischen Universität Berlin in the university library.

The arena enclosed a stage with a background that could be darkened with a curtain or completely opened to the outside through a sliding window front (see photo of the current hall above). The space below the front of the stage could be used as a kind of orchestra pit.

A performance situation, like the one shown in the historical picture above, however, would have been deemed acoustically unsound from today's perspective, because the round hall, crowned by a huge glass dome, generates multiple overlapping reflections and reverberation times. In the piano concerto displayed above, the velvet curtain probably served as an acoustic “sound absorber”, in addition to providing a darkening function.

The FIVE BELLS project precisely addresses the peculiar acoustic resonance of the hall. Free-floating sound sources moving vertically and horizontally are intended to set the space in vibration (See photos of technical rehearsals). The sound sources and the space thereby constitute their own instrument. The cause and source of the sound is very simple; the spatial resonance itself produces the desired effect.

We install five sound objects forged from the funnels of wind instruments on pulleys, which originally served as the suspension for a boxing ring during the house’s use by the British Army. The instruments are composed of two bells of a tuba, a euphonium, a baritone and each two trumpets, which form a double-headed horn. Speakers inside the double funnel radiate different sounds from each side.

The aim of the installation is to sound from each of the funnel openings in ten partly vocal, partly instrumental voices. These single voices give the floor a common ten-part composition. The dynamic of the piece is created by the up and down movement of the pulleys, making the double horns slowly circling around their own axis, forming a kind of oversized instrumental mobile.




 

Die Arena umschloss eine Bühne, die im Hintergrund mit einem Vorhang abgedunkelt oder nach außen durch eine schiebbare Fensterfront komplett geöffnet werden konnte (vgl. Foto des heutigen Saals oben). Der Platz vor der Bühne unten, konnte als eine Art Orchestergraben genutzt werden.

Eine Aufführungssituation, wie die auf dem historischen Foto gezeigte, muss allerdings aus heutiger Sicht akustisch sehr fragwürdig gewesen sein, da der runde, von einer riesigen Glaskuppel gekrönte Saal vielfache sich überlagernde Reflexionen und extrem lange Nachhallzeiten erzeugt. Im oben abgebildeten Klavierkonzert wurde daher vermutlich der Samtvorhang neben seiner verdunkelnden Funktion auch als akustischer „Schallschlucker“ verwendet.

Das Projekt FIVE BELLS setzt genau bei dieser besonderen akustischen Resonanz des Saales an. Mit frei schwebenden Klangquellen in vertikaler und horizontaler Bewegung soll der Raum in Schwingung versetzt werden (vgl. Bilder technische Vorproben). Die Klangquellen und der Raum bilden dabei eine Art eigenes Instrument. Die „Erregerquelle“ des Schalls ist daher sehr einfach, erst die Raumresonanz erzeugt den vollen, umfänglich erwünschten Klang.

An Zügen, die während der Nutzung des Hauses durch die Britische Armee als Aufhängung für einen Boxring dienten, installieren wir dazu fünf aus Trichtern von Blasinstrumenten geschmiedete Klangobjekte. Diese sind aus jeweils zwei Schallstücken einer Tuba, eines Euphoniums, eines Baritons und je zwei Posaunen zusammengesetzt, die ein doppelköpfiges Horn bilden. Im Inneren der Doppeltrichter befinden sich Lautsprecher, die zu beiden Seiten je eine Stimme abstrahlen. 

Ziel der Installation ist es, aus jeweils einer der Trichteröffnungen eine von insgesamt zehn teils vokalen, teils instrumentalen Stimmen erklingen zu lassen. Diese Einzelstimmen ergeben am Boden eine gemeinsame zehnstimmige Komposition. Die Dynamik des Stückes entsteht durch die Bewegung der Züge nach oben und unten und die langsam um ihre eigene Achse kreisenden Doppelhörner wie in einer Art überdimensionalem instrumentalem Mobile.
 

Drei Doppeltrichter auf der untersten Zugposition. Mit je zwei innen liegenden Lautsprechern, geben sie zu jeder Seite je eine Stimme eines mehrstimmigen Stückes ab. Foto © Sabrina Hölzer / Three double bells on the bottom pull position. From a pair of internal speakers, each side sounds one voice in the polyphonic piece. Photo © Sabrina Hölzer  

Drei Doppeltrichter auf der untersten Zugposition. Mit je zwei innen liegenden Lautsprechern, geben sie zu jeder Seite je eine Stimme eines mehrstimmigen Stückes ab. Foto © Sabrina Hölzer / Three double bells on the bottom pull position. From a pair of internal speakers, each side sounds one voice in the polyphonic piece. Photo © Sabrina Hölzer
 

Die Züge werden über die enorme Höhe des Saales vertikal auf- und abgefahren, so dass sich neben der Richtungsdynamik in der kreisenden Horizontalbewegung auch eine Klangänderung in der vertikalen Bewegung ergibt. Auch hier sind die Mittelstücke der Instrumente noch markiert. Foto © Sabrina Hölzer / The pulleys move up and down over the enormous height of the hall; the circular horizontal movement creates a directional dynamic as well as a change in sound. Also here the centrepieces of the horns are still faked. Photo © Sabrina Hölzer 

Die Züge werden über die enorme Höhe des Saales vertikal auf- und abgefahren, so dass sich neben der Richtungsdynamik in der kreisenden Horizontalbewegung auch eine Klangänderung in der vertikalen Bewegung ergibt. Auch hier sind die Mittelstücke der Instrumente noch markiert. Foto © Sabrina Hölzer / The pulleys move up and down over the enormous height of the hall; the circular horizontal movement creates a directional dynamic as well as a change in sound. Also here the centrepieces of the horns are still faked. Photo © Sabrina Hölzer 

The special acoustics of the hall effectively act as a giant sound multiplier. The sound is reflected many times by the large concrete dome and the smaller glass dome within it. As visitors move through the installation and the space, new aspects of the composition resound at every point. Only in the center of installation, at the bottom of the Theatron, is there a kind ideal acoustic location.

The concept behind FIVE BELLS is based in spatial experience, which in its nature cannot be fully captured or described in words. The project has gone through many stages of development since the initial inquiry into the Kuppelsaal in 2009, from the renovations of the location and openingit to our project, to the start of rehearsals in September and their end in November 2015. The special history of the hall developed a completely new content after the arrival of more than a thousand people seeking protection on these historically biased grounds during our rehearsals. It was amazing to experience how from one day to the next a historical bonded complex area was established as an emergency asylum for people of non-German origin. Due to the displaced sport activities by the conversion of the gymnasiums in November 2015 the Kuppelsaal itself was however modified to the exclusion of sporting exploitation so that our project had to quit the Kuppelsaal in the short-term.  

Even if we can’t implement the original vision of the project, we are working to find a new context for the existing instruments in order to realize FIVE BELLS in a different form. In order to protect the still unrealized potential of the project, we do not want to dwell unduly on this in advance. We also ask for respect of copyright regarding the artistic details already made public. We need to pause, rethink, find a space, and reschedule. The above description is the attempt, in spite of the postponement, to trace and present this particular project’s history. We are pleased, furthermore, by the fact that a site which exactly eighty years ago served as the stage for a perfidious ideology of Aryan superiority, now serves a humanitarian aim, offering protection to foreigners seeking asylum.

 


 

Die besondere Akustik des Saales wirkt dabei wie ein riesiger Klangmultiplikator. Der Klang wird vielfach von der großen Betonkuppel und der aufsitzenden kleineren Glaskuppel reflektiert. Bewegen sich die Besucher in der Installation und im Raum, klingt an jeder Stelle ein anderer Aspekt der Komposition. Nur im Zentrum der Installation am Boden des Theatrons gibt es eine Art idealen Klangort.

Die Idee und Konzeption von FIVE BELLS fußt in jederlei Hinsicht auf einer konkreten Raumerfahrung, weshalb sich die Idee verbal nur ansatzweise beschreiben lässt. Auch hat das Projekt während seiner Entwicklung von der ersten Anfrage an den Kuppelsaal im Jahr 2009, über dessen Teilrenovierung und Öffnung für unser Projekt bis hin zum Beginn der Proben an FIVE BELLS im September und seinem Abbruch im November 2015 viele Stufen durchlaufen. Zunächst der besonderen Geschichte des Saales verschrieben, entwickelte sich inhaltlich die Komposition nach Ankunft von über eintausend Schutz suchenden Menschen auf diesem historisch so vorbelasteten Gelände, inhaltlich komplett neu. Es war verblüffend zu sehen, wie von einem auf den anderen Tag dieser historische „Unort“ von der Bundeswehr zum Ort eines Not-Asyls für Menschen mit nicht deutscher Herkunft eingerichtet wurde. Aufgrund des verdrängten Sports aus den Turnhallen, wurde der Kuppelsaal jedoch im November 2015 ausschliesslich zur sportlichen Nutzung umgerüstet, so dass unser Projekt kurzfristig aus dem Kuppelsaal ausscheiden musste.

Auch wenn wir ohne diesen Saal das Projekt nicht in seiner geplanten Fassung umsetzen können, arbeiten wir daran, mit den bestehenden Klangobjekten einen neuen Ort zu finden, damit wir FIVE BELLS in anderer Form fortsetzen können (zum Schutz der noch unrealisierten Inhalte, möchten wir auf diese im Vorfeld nicht weiter eingehen. Auch bitten wir um Wahrung der Urheberrechte an den hier veröffentlichten künstlerischen Details). Wir möchten innehalten, umdenken, einen Raum finden und neu planen. Die oben genannte Beschreibung ist indessen der Versuch, trotz des Abbruchs, eine kleine Spur dieser besonderen Projektgeschichte anzudeuten. Wir freuen uns darüber, dass dieser Ort, an dem vor genau achtzig Jahren perfide arische Überlegenheitsideen inszeniert werden sollten, jetzt in einer humanitären Absicht steht, die Schutz suchenden Menschen aus anderen Ländern Asyl bieten möchte.


TEAM

Idea / Concept by Sabrina Hölzer

Sound engineering
Mareike Trillhaas

Light
Fred Pommerehn

Acoustic consulting
Jens Blauert

Production of the double bells
Bernd. M. Helmich

We thank Matthias  Vogt Instruments Leipzig as well as the Buffet Group Germany in Markneukirchen for their support. 

Funded through the Governing Mayor of Berlin - Senate Chancellery - Cultural Affairs.
 

TEAM

Idee / Konzeption Sabrina Hölzer

Tontechnik
Mareike Trillhaas

Licht
Fred Pommerehn

Akustische Beratung
Jens Blauert

Fertigung der Doppeltrichter
Bernd. M. Helmich

Wir danken Matthias Vogt von  Vogt Instruments Leipzig  so wie der Buffet Group Deutschland in Markneukirchen für Ihre Unterstützung. 

Gefördert durch Der Regierende Bürgermeister von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten.